Interview-Reihe Teil 6: Jacqueline Marcella Breuer

Jacqueline Marcella Breuer (bei Facebook vielen als Jackie Stech bekannt), verheiratet, 2 Töchter, ist in Frankreich und Deutschland aufgewachsen und machte Ihren Abschluss am FASK in Germersheim, nachdem sie weiterführende Ausbildungen in Florenz und Lissabon genossen hatte.

Schon während des Studiums befasste sie sich intensiv mit dem Interkulturellen Technical Writing und Qualitätssicherung/Spezialisierung im Übersetzungswesen. In den letzten 32 Jahren wurde sie, im Zuge kundenseitig erfolgter, betriebsinterner Umstrukturierungen, von ihren Übersetzungsgroßkunden aus der Industrie zunehmend als externe bzw. interne Projektmanagerin beauftragt. Von ursprünglich 4 „eigenen“ Sprachen (it, pt, fr und de) heißt es nun, neben den alltäglichen Arbeiten auch ein Kollegennetzwerk mit bis zu 21 Sprachen zu leiten.

Jacqueline Breuer schreibt Beiträge für Berufsverbandsveröffentlichungen und hält Vorträge zu den Themen Qualitätssicherung, Marketing für Übersetzer und Projektmanagement u. a. für den AITI (Verband der Ü. und D. Italien), an der Universität Mainz – FTSK Germersheim und verfasst Redaktionelle Beiträge für Fachmagazine aus dem Fachverlag Springer (München). Seit 2007 betreut die Freelancerin Praktikanten und ist eine leidenschaftliche Mentorin für Berufseinsteiger. Seit 2014 ist sie im BDÜ LV Nord für das Mentoringprogramm verantwortlich in dessen Rahmen sie regelmäßig in Hameln den Mentoringtag durchführt.

Jacqueline Marcella Breuer ist Mitglied im BDÜ, TEKOM, VDG.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Ich bin im Elsass, also zweisprachig, groß geworden. Irgendwann sah ich im deutschen Fernsehen (das konnten wir in den 1960ern gut in Frankreich empfangen) einen Film, in dem Stewardessen vorkamen. Ich wollte fortan reisen, fremde Sprachen sprechen und Menschen bei Verständigungsproblemen helfen. Da war ich 8! Irgendwie dachte ich, man müsse Übersetzungswissenschaften dafür studieren. So kannte ich meinen Weg schon sehr früh: Baccalauréat (OK, wurde dann doch das deutsch Abi) – aus meinem Abi-Jahrgang bin ich tatsächlich die Einzige, die genau das wurde, wonach sie ihre LK-Kurse gewählt hatte – schließlich das FASK (heute FTSK) in Germersheim ( bewarb mich 1987 tatsächlich auch bei Airlines, nur um festzustellen, dass man dafür eher Hotelfach hätte lernen sollen. Stewardessen müssen nicht wissen, warum ein Flugzeug fliegt und welche Werkstoffe im Flieger verbaut sind).

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

In Germersheim belegte ich als Ergänzungsfach „Technik“, ein Modul war dabei die Werkstoffkunde mit dem Urformen, Umformen, Fügen und Trennen. Vor der Abschlussprüfung ging ich mehrere Wochen zu meinem Onkel (Gießer alter Schule) in Klausur, um das Eisen-Kohlenstoff-Diagramm und so manch anderes gründlich zu lernen. Durch meinen Onkel kam ich dann zur Gießerei, und darüber nach und nach in angrenzende Fachbereiche. Ich habe in meinen 33 Jahren Freelancer-Dasein fast nur für die Industrie gearbeitet.

Wie kamst du an deinen allerersten Auftrag?

Ich verbrachte Stunden in der Bibliothek der HWP in Hamburg, suchte Adressen von Firmen in Frankreich, Italien, Portugal, der Schweiz und Deutschland raus, die auf der Gifa 1989 ausstellten. Ich weiß nicht mehr, wie viele Briefe (Mailings) ich damals ausdruckte und unterschrieb. Das Porto für meine Werbekampagnen riss in den ersten Jahren echt Löcher in den Geldbeutel. Mit Glück, Zufall, was auch immer, meldeten sich bei mir einige Firmen, die ich mit meinem Fachwissen überzeugen konnte und die treue Kunden wurden (zu dreien unterhalte ich heute noch enge Geschäftskontakte). Großer Dank gilt hier der in der WiKo-Vorlesung in Germersheim gebüffelten AIDA-Formel.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Hin und wieder dolmetschte ich schon für Agenturen (während des Studiums dolmetschte ich viel für eine Agentur in Germersheim, wie die meisten von uns damals), aber eher selten. Für Agenturen habe ich in den letzten 33 Jahren exakt 6 Mal übersetzt. Ich arbeite seit vielen Jahren zu 100 % für Direktkunden.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Das Klönen mit den Kunden am Telefon oder in den Dolmetschpausen, die Vertraulichkeit, die Kundentreue.

Was hasst du an deinem Job am meisten?

Ablage machen!

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Ein Kochbuch aus dem Italienischen ins Deutsche (ich bin Hobbyköchin).

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Sich ein griffiges Profil geben und dem Kunden ein nutzbringendes Portefeuille anbieten

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Quatschen! Ich bin zwar eine echte Quasselstrippe, kann aber auch sehr gut zuhören. Neugierde, immerwährende Begeisterung für die Arbeit und die Menschen in meinem Umfeld. Um richtig gut zu quatschen, muss man Präsenzseminare, Konferenzen und hin und wieder ein PowWow besuchen.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Erst einmal an der eigenen Kommunikation arbeiten und die Sehrichtung vom Kunden ausgehend einschlagen. Beides beherrschen leider nur sehr wenige.

Was würdest du an deiner Ausbildung/an deinem Werdegang heute anders machen, wenn du könntest?

Den 6-Semester-Ausflug Russisch streichen, dafür noch ein Zweitstudium in Clausthal dranhängen. Sonst ist bei mir fast alles im Leben wie am Schnürchen gelaufen.

Was war deine bisher beste Anschaffung?

Mein Stehschreibtisch.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Ich besuche Ø 2–3 Präsenzseminare im Jahr, gehe zu Konferenzen/Tagungen und engagiere mich im BDÜ. Viele neue Inputs erhalte ich aber auch durch meine Praktikanten. Ich biete Praktika in meinem Büro für Studenten und betreue auch als Zweitbetreuerin Bacheloranden.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Bücher sind zwar nett, aber meist werden sie nur gekauft, um einzustauben. Häufig sitzen Leser aber auch dem Irrglauben auf, man müsse nur lesen und könne das Gelesene 1:1 umsetzen. Dabei hat jeder andere Lebensvorzeichen – auch der Autor! –, die nicht berücksichtigt werden können; es würde nie zwischen zwei Buchdeckel passen. Gleiches gilt für Internet-Tutorials und YouTube-Filmchen (inflationär und doch nicht weiterführend). Wer seriös und nachhaltig vorgehen möchte, ist mit VHS-Kursen, BDÜ-Seminaren, MeinBDÜ-Konferenzen, Tekom-Workshops, etc. pp. und gezielt ausgesuchten Mentoren deutlich besser beraten. Kurz: Lebendiger Austausch führt am weitesten voran. Meist hilft der Griff zum Telefon schon richtig weiter. Aus dem lebendigen, maßgeschneiderten Gespräch lässt sich am ehesten ein roter Faden für das eigene Vorankommen finden. Nicht Theorie, sondern Pragmatik, so mein Credo.

Interview-Reihe Teil 5: Susanne Schmidt-Wussow

Susanne ist Diplom-Übersetzerin für Französisch und Japanisch, doch wie das Schicksal so spielt, übersetzt sie seit Beginn ihrer freiberuflichen Laufbahn vor 20 Jahren am häufigsten aus dem Englischen. Im Laufe der Zeit haben sich für sie zwei relativ getrennte Geschäftsbereiche herausgebildet, denn sie arbeitet ebenso gern als Fachübersetzerin für Medizin und Biologie (www.schmidt-wussow.de) wie als Übersetzerin von Kinder- und Sachbüchern (www.buchprinzessin.de). Ihr Blog „300 Words“ (blog.schmidt-wussow.de) liegt leider seit geraumer Zeit im Dornröschenschlaf, aber wer weiß? Vielleicht erwacht es irgendwann ja doch noch wieder zum Leben … Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. Auf Twitter ist sie schon seit geraumer Zeit als @frenja unterwegs und Facebook ist so etwas wie ihr zweiter Wohnsitz.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Als ich etwa 15 war, hielt eine Lehrerin (ich weiß gar nicht mehr, in welchem Fach das war) ein Blatt mit einem englischen Text hoch und fragte, wer denn gut in Englisch sei. Meine Klasse zeigte auf mich, den Sprachnerd, und sie fragte mich, ob ich wohl diesen Text zu Hause ins Deutsche übersetzen könnte, weil sie ihn mit der Klasse besprechen wollte. Soweit ich mich erinnere, war es ein afrikanischer Schöpfungsmythos, und ich weiß noch genau, wie viel Spaß mir das Übersetzen gemacht hat. Ein echter englischer Text in freier Wildbahn, das war schon etwas anderes als die Schulbuchtexte, die ich sonst so gewohnt war. Ich weiß nicht mehr, wie gut meine Übersetzung tatsächlich wurde, aber von da an stand mein Berufswunsch fest.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

Ich habe mich auf Medizin (vor allem Zahnmedizin) und Biologie spezialisiert und im weiteren Sinn auch auf andere naturwissenschaftliche Texte. Das war einfach eine Frage des Interesses – Jura und Wirtschaft fand ich schon während des Studiums in den Fachübersetzungskursen furchtbar langweilig, während mich medizinische und naturwissenschaftliche Themen schon immer interessierten. Also übernahm ich immer mehr Aufträge aus diesen Bereichen, wenn sie mir angeboten wurden, und lernte durch die erforderlichen Recherchen bei jedem Auftrag dazu. Später begann ich dann, gezielt Fortbildungsveranstaltungen des BDÜ und anderer Verbände (z. B. des ITI Medical Network) zu besuchen, ging auf Messen, Fachkongresse und Infoveranstaltungen in meinen Bereichen (in Berlin ist die Auswahl zu meinem Glück sehr groß, die Charité bietet häufig solche Veranstaltungen an) und auch einige meiner Direktkunden bieten Weiterbildungskurse an, die mir natürlich durch die Nähe zu ihren Produkten bei meiner Arbeit besonders weiterhelfen. Auch Webinare sind eine gute Möglichkeit, sich ohne viel Zeitaufwand und relativ kostengünstig weiterzubilden. Eine Weile habe ich auch sehr gerne MOOCs (Massive Open Online Courses) absolviert, dazu fehlt mir inzwischen leider ein bisschen die Zeit.

Wie kamst du an deinen allerersten Auftrag?

Mein allererster Auftrag kam noch während meines Studiums. Ich hatte mit zwei Freundinnen zusammen ein studentisches Übersetzungsbüro gegründet (das es in abgewandelter Form – und natürlich inzwischen nicht mehr studentisch – übrigens heute noch gibt) und sollte dann für eine andere Studentin oder Doktorandin einen japanischen Text über Musikwissenschaft übersetzen. Das war spannend, hat großen Spaß gemacht und Zeit hatte ich auch genügend. Insgesamt eine tolle Erfahrung, auch die Kundin war sehr zufrieden. Mein erster Auftrag nach dem Diplom kam durch eins der damals noch nicht so zahlreichen Portale, wenn ich mich recht erinnere, wahrscheinlich entweder TraduGuide oder Sprachmittler.de.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Am Anfang hatte ich überwiegend Agenturkunden, wie wohl die meisten. Inzwischen arbeite ich kaum noch mit Agenturen, aus diesem Markt habe ich mich wohl inzwischen „rausgepreist“. Ab und zu kommen noch Anfragen für beglaubigte Übersetzungen aus dem Japanischen, die schiebe ich dann manchmal noch dazwischen, aber neben den Preisen sind auch die oft kurzen Deadlines für mich problematisch – meistens bin ich so ausgelastet, dass ich kurzfristig keine größeren Aufträge annehmen kann, und bei den Agenturen muss es ja oft hopphopp gehen. Den Stress brauche ich, ehrlich gesagt, auch nicht unbedingt. Direktkunden habe ich einige wenige, da macht mir die Zusammenarbeit auch viel mehr Spaß, weil ich direkt sehe, was aus meinen Übersetzungen wird, ich kann knifflige Terminologieprobleme direkt mit den richtigen Ansprechpartnern lösen und fühle mich nicht wie eine von vielen, so wie es bei Agenturen häufig dann doch ist. Am häufigsten arbeite ich derzeit für Verlage oder sogenannte Book-Packager, also Agenturen, die von der Übersetzung über das Lektorat bis zum Druck die Erstellung eines deutschen Titels für die Verlage übernehmen.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Definitiv die Abwechslung! Heute arbeite ich an einer hochtechnischen Broschüre über die neuesten kieferorthopädischen Technologien, morgen ist wieder ein Kinderbuch dran und danach vielleicht ein Sachbuch für Erwachsene. Jeder Text hat andere Schwierigkeiten und Anforderungen, für jeden brauche ich unterschiedliche Bereiche meines Gehirns. Deshalb vermeide ich es inzwischen möglichst auch, an einem Tag an zwei Projekten zu arbeiten. Das habe ich früher meist so gemacht, um das Gefühl zu haben, mit beiden voranzukommen, aber ich verliere einfach zu viel Zeit, bis ich von einem Modus in den anderen umgeschaltet habe.

Was hasst du an deinem Job am meisten?

Na ja, „hassen“ wäre vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es ist schon ein wenig belastend auf die Dauer, wenn man nur schwer richtig abschalten kann, weil man in Gedanken schon beim nächsten Auftrag ist oder aber sich Sorgen macht, wann er kommt. Dass man sich oft nicht mal ein paar Tage freinimmt, wenn man krank ist, sondern sich trotzdem irgendwie an den Schreibtisch schleppt, weil „freie“ Tage vor allem umsatzfreie Tage bedeuten und das im Kopf eine zusätzliche Belastung ist – hilft auch nicht gerade beim Auskurieren. Das hat allerdings nicht direkt mit dem Übersetzerinnendasein zu tun, sondern eher mit der Selbstständigkeit, das geht freien Autorinnen, Grafikerinnen, Webdesignerinnen etc. ja nicht anders. Früher habe ich Preisverhandlungen gehasst, aber inzwischen macht mir das nicht mehr viel aus. Alles Übungssache!

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Oh, da gab es so einige! Eins der absoluten Highlights der letzten Jahre war aber die Übersetzung von „Die Lagune“ von Armand Leroi, ein erzählendes Sachbuch über Aristoteles und wie er die Naturwissenschaften erfand. Das war zum einen einfach hinreißend geschrieben und zum anderen verlangte es mir auch einiges ab, was die Recherche anging – ich musste also sprachlich wie fachlich alle Register ziehen und buchstäblich alles geben, was ich konnte. Das war ein unglaublich befriedigendes Gefühl im Vergleich zu, sagen wir mal, Itemlisten für Online-Computerspiele, wie ich sie am Anfang meiner Karriere noch häufiger auf dem Tisch hatte. Und als „mein“ Buch dann auch noch in den Feuilletons der großen Zeitungen gut besprochen wurde, platzte ich natürlich vor Stolz!

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Habt keine Angst vor dem Scheitern! Man bekommt heute zu allen Themen, die mit dem Übersetzerinnendasein zu tun haben, so viele unterschiedliche Ratschläge – egal, ob es um Tools geht oder um Akquise oder um Preisverhandlungen, es gibt nicht den einen Königsweg, der für alle richtig ist. Man muss selbst ausprobieren, was zu einem passt, was funktioniert und was nicht, und Fehlversuche und Scheitern gehören unbedingt dazu! Auch wenn man mal was ausprobiert und hinterher weiß, das funktioniert für mich definitiv nicht, hat man eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Man hat nichts „falsch“ gemacht, sondern etwas ausprobiert. Und wenn man wirklich mal einen richtig schlimmen Fehler gemacht hat – auch das kommt vor, ist fast allen mal passiert. Wichtig ist nur, daraus zu lernen und ihn nicht zu wiederholen.

Achtet von Anfang an auf Ergonomie am Arbeitsplatz. Investiert lieber erst mal in einen guten Bürostuhl statt in eine teure Software. Ihr werdet einen Großteil der nächsten Jahrzehnte am Schreibtisch verbringen – euer Rücken wird es euch danken.

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Ich habe festgestellt, dass berufliche Beziehungen nicht vollkommen anders sind als private: Auch sie wollen gepflegt werden und dazu muss man sich ab und zu einfach mal blicken lassen. Es liegt mir überhaupt nicht, auf Netzwerkveranstaltungen oder Messen neue Kontakte zu knüpfen, das mache ich nicht mehr. Ich versuche aber, meine wichtigsten Kunden ab und zu auf Messen oder ähnlichen Veranstaltungen zu besuchen, das macht einfach einen Unterschied, wenn man ein Gesicht vor Augen hat (auf beiden Seiten) und nicht nur eine E-Mail-Signatur. Den Kontakt zum Kolleg*innenkreis halte ich teils über diverse soziale Medien wie Twitter und Fachforen auf Facebook, teils über Treffen wie das alljährliche Powwow in Berlin, Stammtische (zu selten) und natürlich Konferenzen und Seminare. Da hat man immer ein paar Tage zusammen und bei einem entspannten Abend im Restaurant oder in der Kneipe lernt man sich gleich noch mal besser kennen als tagsüber, wenn man noch das Berufsgesicht trägt. :-)

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Erfolgreich ist man eigentlich ja immer nur mit dem, was einem liegt und von dem man überzeugt ist. Kaltakquise funktioniert bei mir zum Beispiel überhaupt nicht, ebenso alles andere, was über das Telefon geht, da bin ich einfach nicht so souverän wie schriftlich. Mit Blindbewerbungen dagegen hatte ich schon überraschend häufig Erfolg, auch wenn einem sonst jeder sagt, das hätte überhaupt keinen Sinn (z. B. bei Verlagen). Mein Tipp ist daher: Probiert verschiedene Akquisewege aus und bleibt bei dem, was euch am leichtesten fällt und wo ihr euch am wenigsten verstellen müsst. Für manche ist das ein zwangloses Gespräch am Messestand, für andere das Netzwerkfrühstück, für wieder andere gezielte E-Mails oder ganz was anderes. Seid kreativ und auch hier: Keine Angst vor dem Scheitern!

Was würdest du an deiner Ausbildung/an deinem Werdegang heute anders machen, wenn du könntest?

Ich habe mich direkt nach der Uni selbstständig gemacht, vollkommen ohne Businessplan und auch ohne viel Ahnung von der Berufspraxis. Ganz schön blauäugig, wenn ich heute so drüber nachdenke, aber es hat zum Glück trotzdem gut geklappt. Was ich über das Dasein als Freiberuflerin und Unternehmerin wissen musste, habe ich mir nach und nach angeeignet, aber da ich niemals angestellt gearbeitet habe, fehlt mir bis heute der Einblick in Unternehmensabläufe. Das habe ich schon häufiger bedauert, weil ich dadurch manchmal wirklich Schwierigkeiten habe, mich in meine Unternehmenskunden hineinzudenken. Wer ist wofür zuständig, wer entscheidet was, wie hoch ist der Druck auf den Ausführenden, die z. B. mich beauftragen? Ich würde also im Rückblick vielleicht doch erst mal versuchen, eine Weile irgendwo in Festanstellung zu arbeiten, bevor ich mich selbstständig mache. Wobei – als ich anfing, wurden die Sprachendienste der Unternehmen gerade überall abgebaut und alles an Agenturen ausgelagert, es war also gar nicht so einfach, irgendwo eine Anstellung zu finden. Als Freiberuflerin dagegen hatte man damals ganz gute Chancen, die Globalisierung nahm gerade erst an Fahrt auf, der Markt war noch viel übersichtlicher und weniger hart umkämpft als heute. Falsch war die Entscheidung also nicht, auch wenn mir heute die Angestelltenperspektive manchmal fehlt.

Was war deine bisher beste Anschaffung?

Wahrscheinlich mein Zeiterfassungstool. Heißt JobTimer und ich habe es von Anfang an verwendet, um meine Nettoarbeitszeit zu bestimmen. Es funktioniert wie eine Stechuhr, ich klicke einfach auf einen Button, wenn ich anfange zu übersetzen, und klicke wieder, wenn ich eine Pause mache. So habe ich erstens ein gutes Gefühl dafür, wie lange ich für einen Text brauche, und kann außerdem hinterher bestimmen, wo mein Stundensatz lag, ob sich der Auftrag also gelohnt hat oder nicht. Das ist manchmal sehr ernüchternd, aber auch notwendig. So kann ich sehen, ob ich zu viel Zeit mit den falschen, sprich unlukrativen Aufträgen verbringe, und gezielt mehr in Richtung lukrative steuern.

Noch ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte: der TextExpander. Der ersetzt Kürzel, die ich eintippe, durch vorher definierte Wörter, Satzteile oder ganze Textbausteine, und das in jeder gewünschten Anwendung. Was hat der mir nicht schon für Zeit gespart! Vor allem in Texten mit vielen Wiederholungen und wiederkehrenden Formulierungen wie Koch- und Handarbeitsbüchern, aber auch Namen in Kinderbüchern, Standardabsagen per E-Mail – geht alles ratzfatz und um Tippfehler muss ich mir auch keine Sorgen machen. Ganz fantastisches kleines Helferchen.

Gelohnt hat sich für mich auch die Entscheidung für ein InDesign-Abo, weil ich den Verlagen so eine Extraleistung anbieten kann: Übersetzen direkt im Layout. Erleichtert ihnen die Arbeit und ich kann ein bisschen mehr dafür berechnen als fürs reine Übersetzen. Aber es ist natürlich immer sehr individuell, welche Anschaffungen sich in der eigenen Situation lohnen und welche nicht – die Windows-Partition auf meinem Rechner samt Trados (ich arbeite am Mac) hätte ich mir z. B. sparen können, die benutze ich so gut wie nie, sondern stattdessen ein anderes CAT-Tool (CafeTran), das wunderbar auch mit Studio-Dateien zurechtkommt. Wobei ich die ohnehin selten bekomme, da ich ja kaum für Agenturen arbeite. Aber wie gesagt, so was hängt total von der individuellen Situation ab.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Zu lernen gibt es immer was. Ich halte ständig die Augen offen nach interessanten Veranstaltungen – es gibt in Berlin zum Beispiel nicht wenige öffentliche Vortragsreihen oder Symposien, mit denen ich den Anschluss in den medizinischen und medizintechnischen Entwicklungen in meiner Region halte, aber auch unter den Webinaren vom BDÜ finde ich immer mehr für mich Interessantes. Am liebsten tummle ich mich da, wo keine anderen Übersetzer*innen sind, man schmort sonst doch zu schnell im eigenen Saft. Nicht, dass ich nicht gerne mit Kolleg*innen Zeit verbringe, aber das dann eher unter dem Motto Netzwerken.

Interview-Reihe Teil 4: Anke Betz

Anke Betz ist staatlich geprüfte und beeidigte Übersetzerin und Dolmetscherin für Englisch und Spanisch. Nach Abschluss ihrer Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde in Erlangen 2008 machte sie sich erfolgreich selbständig. Seit Herbst 2013 arbeitet sie auch als Dozentin für Dolmetschen und Terminologie an der Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen in Weiden. Sie ist außerdem Schatzmeisterin und Mitglied im Vorstand des BDÜ Bayern und hält auch Seminare für memoQ. Ihre Website mit Blog befindet sich unter www.a-z-translations.com.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

In meinem früheren Leben hatte ich eine Sackgasse erreicht. Nachdem ich zehn Jahre in den USA gelebt, (Musik) studiert und gearbeitet hatte, entschloss ich, meine Sprachkenntnisse zu nutzen und Übersetzerin und Dolmetscherin zu werden.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

Mein eigentliches Fachgebiet ist (klassische) Musik, denn ich wollte schon immer etwas mit Musik machen. Von klein auf habe ich diverse Instrumente gespielt, in Chören und Orchestern mitgewirkt und sogar mit Orgelspielen Geld verdient. Nach dem Abitur wollte ich nach Bayreuth und dort Kirchenmusik studieren, vorher sollte es aber noch für ein Jahr in die USA gehen, sozusagen bevor der Ernst des Lebens losging. Aus diesem Jahr wurden letztendlich aber zehn, in denen ich zunächst einen Bachelor of Arts in Music (Hauptfach Gesang) und dann eine Master of Music in Conducting, also Dirigieren, erwarb.
Nachdem aus meinem Traum, mit Musik mein Geld zu verdienen, dann leider nichts wurde, beschloss ich, meine zweisprachige Expertise fürs Übersetzen zu nutzen.

Wie kamst du an deinen allerersten Auftrag?

Ich wurde vom Kunden angeschrieben – er hatte mich über das Verzeichnis des BDÜ gefunden.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Zu Beginn waren es fast ausschließlich Agenturen, aber inzwischen arbeite ich mit beiden, wobei sich das Verhältnis immer wieder mal ändert.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Dass ich meine eigene Chefin bin! Natürlich ist bei jedem Auftrag der Kunde quasi der Chef, aber wie viel, was und wann ich arbeite, bestimme ich.

Was hasst du an deinem Job am meisten?

Es gibt ja den Spruch, dass man als Selbstständiger selbst und ständig arbeitet. Aber das „ständig“ ist halt auch nur, wenn Arbeit da ist. Kein Auftrag bedeutet also keine Arbeit – und kein Einkommen. Dagegen bin ich natürlich mit Rücklagen gewappnet, aber schön ist es v. a. bei längeren Zwangspausen trotzdem nicht.

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Ein Jugendbuch aus dem Englischen ins Deutsche.

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Legt euch eine gute Webseite zu und werdet Mitglied in einem Verband (das hat viele Vorteile: Vergünstigungen bei Versicherungen etc., Fortbildungsprogramme, und man steht in einer hochwertigen Liste), seit aktiv in Foren und auf beruflichen Plattformen (nicht nur für Übersetzer und Dolmetscher) und habt immer (!!) Visitenkarten dabei!

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Indem ich mich an meine Tipps (s. o.) halte. :-)
Gute Webseite, Blog, Twitter, Verbandsmitgliedschaft beim BDÜ (bei dem ich in Bayern auch aktiv bin als Schatzmeisterin), Fortbildungen, Netzwerken überall (ich habe sogar schon einen Kunden beim Motorradfahren gewonnen!)

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Da muss ich ganz ehrlich passen, denn bis jetzt haben immer alle Kunden mich gefunden. Grundsätzlich möchte und muss ich das aber ändern und aktiver werden und nicht nur übers Netzwerken neue Kunden finden.

Was würdest du an deiner Ausbildung/an deinem Werdegang heute anders machen, wenn du könntest?

Ich würde schneller die Ausbildung als Übersetzerin und Dolmetscherin machen und (vielleicht sogar gleich) Konferenzdolmetschen studieren.

Was war deine bisher beste Anschaffung?

Mein Smartphone! Ich hatte mich lange dagegen gewehrt, dann versucht, mit einem Blackberry zu arbeiten, aber schließlich doch eingesehen, dass es v. a. unterwegs ohne nicht geht, wenn ich guten (Kunden-)Service bieten möchte. Ich war auch lange gegen iPhones, habe jetzt aber schon mein drittes, weil es m. E. zuverlässiger ist als Android und ein Wechsel absolut problemlos ist.
Genauso wichtig ist mir aber auch mein CAT-Tool (memoQ), das mich noch nie im Stich gelassen hat und ohne das ich nicht halb so gut arbeiten könnte.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Ich mache ständig Fortbildungen, auch über Webinare, zu allen möglichen Themen, auch solche, die ich in der Vergangenheit vielleicht schon mal besucht hatte, denn es gibt immer etwas Neues zu lernen und alles entwickelt sich weiter. Und ich lese viel, sowohl digital (Blogs, Foren etc) als auch analog.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Alles, was einem in einem bestimmte Bereich, sei es Fachgebiet, allgemein oder etwas Neues, etwas bringt, egal ob gedruckt oder live.

Interview-Reihe Teil 3: Ilona Riesen

Ilona ist Übersetzerin aus dem Russischen und manchmal auch aus dem Englischen ins Deutsche. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium und einer Karriere in der Bildungs- und Wirtschaftsforschung besann sie sich wieder auf ihren ursprünglichen Berufswunsch – Übersetzen und Schreiben – und kam als Quereinsteigerin zum Übersetzen, Übersetzungsunterricht und anfangs noch zum Dolmetschen. Mittlerweile konzentriert sie sich aufs Übersetzen von Wirtschafts- und Rechtstexten sowie moderner Literatur. Außerdem unterrichtet sie, hält Vorträge und schreibt über das Übersetzen, das Projektmanagement und die Branche. Zu finden ist sie unter https://ilori-translations.com und in den gängigen sozialen Netzwerken.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Ich glaube, ich wollte Übersetzerin werden, seit ich mit ca. 8 Jahren das Englisch-Lehrbuch meines Bruders entdeckt habe. Ich selbst hatte damals noch keinen Fremdsprachenunterricht an der Schule. Ich habe versucht, darin zu lesen und bildete mir ein, ich kann’s 😊 Vorher konnte ich zwar schon Estnisch (meine erste Muttersprache ist Russisch), aber das war für mich selbstverständlich, da ich in Estland eingeschult wurde. Estnisch betrachtete ich nicht als Fremdsprache.

Seit dem Englisch-Lehrbuch interessierte ich mich bewusst für Sprachen und diverse Codes (inkl. Morsecode und alte Schriften), was Sprachen ja auch sind. Auf dem direkten Wege hat es aber nicht funktioniert, Übersetzerin zu werden. Es gab einige Umwege. Letztendlich studierte ich Wirtschaftspädagogik in Köln und legte nach mehreren Jahren Berufserfahrung in der Wirtschafts- und Bildungsforschung die IHK-Übersetzerprüfung in Düsseldorf ab. Seitdem bin ich freiberufliche Übersetzerin und habe es keinen Tag bereut.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

Ich arbeite als Fachübersetzerin vorwiegend mit Wirtschaft- und Rechtstexten. Das ergab sich quasi automatisch, weil ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe und dann einige Jahre in der Forschung und Politikberatung gearbeitet habe. Ich kann auch ganz gut Mathe 😉 Während des Studiums waren auch einige Juraveranstaltungen Pflicht, wofür ich im Nachhinein sehr dankbar bin. Aber auch von mir aus finde ich Rechtstexte spannend: Sie sind ja auch spezielle Kodierungen …😉

In meinem zweiten „Fachbereich“ – Literaturübersetzung – spezialisiere ich mich auf historische und moderne Romane, z. B. auch Krimis. Da hilft mir meine Leidenschaft fürs Lesen, für Gesetzestexte und für Psychologie. Und vermutlich die Lebenserfahrung 😉 …

Wie kamst du an deinen allerersten Auftrag?

An den ersten nennenswerten Auftrag kam ich über eine zukünftige Kollegin, die sich mit mir zusammen auf die IHK-Übersetzerprüfung vorbereitete: Sie hatte eine Anfrage bekommen, Präsentationen zu diversen technischen und betriebswirtschaftlichen Themen zu übersetzen und die dazugehörigen Vorträge auf einer unternehmensinternen Konferenz zu dolmetschen. Sie zweifelte, ob sie den Auftrag komplett annehmen sollte, da sie sich nach ihrer Aussage mit dem Wirtschaftswortschatz nicht besonders gut auskannte. Ich überzeugte sie, den gesamten Auftrag anzunehmen und die Übersetzung an mich outzusourcen. Das tat sie. Mit meinen Übersetzungen bereitete sie sich dann auf den Dolmetscheinsatz vor. Und ich verdiente einen nicht unerheblichen Betrag bei meinem ersten ernsthaften Auftrag. Dazu muss ich noch unbedingt mit euch teilen, dass ich immer geträumt habe, in einem hübschen Café zu sitzen und zu schreiben oder zu übersetzen. Das tat ich bei diesem Auftrag zum ersten Mal und fühlte mich sehr, sehr cool 😊

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Ich arbeite als Freiberuflerin eigentlich ausschließlich mit Direktkunden. (Gleichzeitig bin ich aber mit einer halben Stelle bei einer kleinen Übersetzungsagentur als Projektmanagerin und Übersetzerin angestellt.) Immer wieder bekomme ich Anfragen von Agenturen, liege aber wohl mit meinen Preisvorstellungen über dem Budget, denn zu einer Zusammenarbeit kommt es eher selten. Grundsätzlich habe ich aber überhaupt nichts dagegen, mit professionell agierenden Agenturen zu kooperieren, denn dabei gibt es einige Vorteile.

Was liebst du an deinem Job am meisten?
Alles! Ich bin tatsächlich glücklich mit diesem Beruf 😉 und kann mit voller Überzeugung behaupten, dass ich darin meine Berufung gefunden habe. Das war ein langer Umweg, bis ich dazu kam, aber jetzt bin ich beruflich zu Hause angekommen. Im Detail: Ich liebe die Abwechslung, die in jedem neuen Auftrag steckt, und die zwangsläufige Notwendigkeit, kontinuierlich etwas Neues zu lernen. Ich wollte schon immer beruflich schreiben – und genau das tue ich: Ich schreibe beim Übersetzen und über das Übersetzen. Und ich mochte schon immer etwas decodieren, was die anderen produzieren. Diese Aufgabe ist beim Übersetzen ständig zu bewältigen – sowohl beim Übersetzen von Verträgen als auch beim Übersetzen eines Krimis eines ukrainischen Autors, der seinen Roman persönlich aus dem Ukrainischen ins Russische umgeschrieben hat. Manchmal ist es wie Rätselraten. 😉

Was hasst du an deinem Job am meisten?
Eigentlich nichts. Aber und zu bin ich natürlich von irgendetwas genervt: Kolleg/innen, die nicht pünktlich liefern, Kunden, die vor 9 Uhr morgens und nach 17 Uhr abends oder am Wochenende anrufen und nicht verstehen, dass ich die Zeit lieber mit Familie verbringen möchte, als für sie zu übersetzen. Das ist aber schnell vergessen, wenn sich mal wieder ein spannendes neues Projekt ankündigt.

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?
Redigieren einer Übersetzung aus dem Russischen – ein interaktives Märchenbuch für Mädchen und ihre Mütter. Inklusive Übersetzung von Gedichten darin.

Auch die Übersetzung von zwei philosophischen Kurzgeschichten war etwas Besonderes.

Eigentlich ist jedes neue Buchprojekt, das ich anfange, auf seine Art und Weise unglaublich schön. Man könnte das mit dem Gefühl vergleichen, wenn man sich verliebt …

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Spezialisiert euch auf Fachgebiete, von denen ihr richtig Ahnung habt und bei denen ihr Spaß habt. Dann fällt die jahrelange Beschäftigung mit diesem Thema auch leicht.

Bildet euch darin weiter – bis zum Expertenstatus. Dann kommen die Kunden fast von allein.

Versucht, aus allem, was ihr richtig gut wisst, etwas zu machen: Wenn ihr gut kochen oder stricken könnt, könnte das der Anfang einer großen Karriere als Kochbuch-Übersetzerin werden. Wenn ihr euch als Frau ausnahmsweise für Fußball interessiert, dann schreibt das auf eure Internetseite! 😉

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Seminare, Konferenzen, Unterricht, Webseite. Ich reagiere auf Anfragen von Kollegen und Kolleginnen und berate gern, wenn jemand Fragen hat. Ich kommuniziere grundsätzlich sehr gerne.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Eigene Website erstellen und aktiv pflegen inkl. SEO. Präsent sein – da, wo Kunden und Kollegen sind. Darüber sprechen, was man tut und dass man es gerne tut.

Was würdest du an deiner Ausbildung/an deinem Werdegang heute anders machen, wenn du könntest?
Ich würde Finnisch lernen (Grüße an Miriam 😉). Im Ernst: Ich hätte mein Estnisch pflegen sollen und Finnisch noch dazunehmen sollen. Mit Russisch habe ich zwar genug Kunden, aber ich hätte gerne noch eine andere, exotischere Sprache, um mit einem Kulturkreis in Berührung zu kommen, der neue Horizonte eröffnet.

Was war deine bisher beste Anschaffung?

Oh, da gibt es so vieles: meine eigenen Domains, Auftragsverwaltungssoftware, CAT-Tools.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Ich liebe Podcasts und Audiobooks! Es gibt keine bessere Möglichkeit, sich auf dem Laufenden zu halten bzw. weiterzubilden, während man mit dem Hund spazieren geht, Auto fährt oder Sport macht.

Außerdem lese ich aktiv in Facebook-Gruppen mit und schreibe ab und an etwas da rein. Ich lese Blogs, schaue mir Youtube-Videos von Übersetzervorträgen auf Konferenzen an, an denen ich nicht persönlich teilnehmen konnte. Ich gehe aber sehr gern auch zu Konferenzen, Stammtischen und Seminaren. Dort erfährt man neutrale und weniger neutrale Meinungen aber auch Fakten aus der Übersetzerwelt.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Bücher:

„Überleben als Übersetzer“ von Miriam Neidhardt et al.

„Positionierung als freiberuflicher Übersetzer“ von Ricarda Essrich

„How to Succeed as a Freelance Translator“ von Corinne McKay

Blogs/Podcasts:

http://www.thoughtsontranslation.com/

https://marketingtipsfortranslators.com/

Meinen eigenen Blog, den ich etwas häufiger aktualisieren sollte: https://ilori-translations.com/

Veranstaltungen:

Fachkonferenzen und Seminare für Übersetzer und Experten

Interview-Reihe Teil 2: Anett Enzmann

Anett wollte eigentlich Altphilologin und Musikwissenschaftlerin werden, ist dann aber 2011 auf verschlungenen Pfaden über Schreiben und Videojournalismus zum Übersetzen gekommen. Sie übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche (manchmal auch umgekehrt, aber immer mit muttersprachlichem Lektorat) und tummelt sich vorwiegend im Bereich Videospiele & Software, Musik, Lifestyle und Marketing. Wenn sie nicht gerade in ihrem zauberhaften Büro in Lüneburg sitzt und neben der Arbeit an irgendeinem kreativen Projekt werkelt (da ist diese Kunstsprache, die im Laufe eines frühen Projektes mal schrecklich eskalierte … und gab es da nicht mal dieses Musikprojekt?) streift sie am liebsten durch die kalifornischen Berge und Wüsten (natürlich nie ohne Kamera!) oder bildet sich in amerikanischer Popkultur weiter. (Das ist die höfliche Umschreibung dafür, dass sie jede Menge Netflix konsumiert.) Man findet sie unter www.spellwords-translation.net sowie auf Twitter, Facebook und Instagram.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Das war im Grunde Zufall. Ich arbeitete damals als Journalistin und Autorin und lernte zwei befreundete Schriftsteller kennen, die mir erzählten, dass sie in der Spieleübersetzung arbeiten – ein Feld, über das ich mir bislang eher wenig Gedanken gemacht hatte, das mich aber sofort interessierte. Sie gaben mir den Kontakt zu einer befreundeten Agentur und eine Woche später hatte ich meinen ersten Auftrag. Und irgendwie bin ich dabei geblieben.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

In der Spieleübersetzung erlebt man jeden Tag etwas Neues. Ich werde nicht müde zu betonen, dass das durchaus eine Spezialisierung für sich ist – gerade in Zeiten von eSports, VR und Streaming und dem damit einhergehenden Lingo der meisten Spieler –, jedoch gleichzeitig ein breites Allgemeinwissen erfordert. Man weiß nie, ob das nächste Spiel sich nicht um die griechische Antike, die Feinheiten nepalesischer Kampfstile, das Sozialverhalten feliner Vierbeiner, den Einfluss der Templer auf den amerikanischen Bürgerkrieg oder die Klimabedingungen auf dem Mars dreht (nur eines dieser Beispiele ist erfunden, ihr dürft gern raten, welches!). Ich lerne also mit jedem Projekt gleichzeitig etwas Neues. Die unterschiedlichen Stile und Stimmungen jedes einzelnen Projekts erlauben das immer neue Spiel mit Sprache – es wird also nie langweilig.

Was hasst du an deinem Job am meisten?

Spiele sind meist lang. Sehr lang. So kann es sein, dann ich manchmal wochenlang an nur einem Projekt sitze und das dann danach auch eine ganze Weile nicht mehr sehen will. Und dann gibt es da noch die in der Software-Lokalisierung üblichen Einschränkungen und Stolpersteine: Zeichenbegrenzung, Platzhaltervariablen und String-Listen … das kann bisweilen sehr mühsam sein, insbesondere innerhalb der in der Branche üblichen, oft sehr knappen Abgabetermine. Aber „hassen“ ist hier wohl etwas zu hoch gegriffen.

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Arbeitet. Nicht. Umsonst.

Die Spielebranche wird förmlich überrannt von ambitionierten Neueinsteigern, „Fans“ und Studenten, die, um Kunden für ihr Portfolio zu sammeln, ihre Dienstleistungen umsonst oder deutlich unter dem Marktpreis anbieten. Das macht es uns allen schwer, dem immer stärker werdenden Preisverfall entgegenzuwirken UND sorgt zudem dafür, dass der Ruf der Spieleübersetzer mehr und mehr leidet, denn diese Fan-Übersetzungen sind oft einfach nicht gut. Unter Gamern haben Übersetzungen ohnehin einen eher schlechten Ruf (warum das so ist, würde jetzt zu weit führen), und jede halbherzige Übersetzung trägt dazu bei, die Abwärtsspirale zu beschleunigen.

Ansonsten: Sucht euch einen Lektor! Für alles! Immer! Gerade unter Zeitdruck passieren Fehler und oft habt ihr nicht die Zeit, den Text einen Tag lang liegen zu lassen und dann glattzuziehen. Dem Kunden einen veröffentlichungsreifen Text anbieten zu können ist ein großer Mehrwert, der zwar nicht von jedem Kunden gebucht werden wird, der euch aber langfristig hilft, einen Ruf aufzubauen und dadurch auch stärker auf Qualität bedachte Kunden zu gewinnen. Die Branche ist klein, man kennt sich.

Und abschließend mein Lieblingsratschlag für angehende Spieleübersetzer oder Leute, die das mal nebenbei mitnehmen, weil es ja so schwer nicht sein kann:

Ein Großteil der Arbeit besteht nicht in der Übersetzung bombastischer Zwischensequenzen oder emotionsgeladener Dialoge. Die Hauptarbeit ist die UI, „Item“-Listen, Missionsbeschreibungen, „AI Barks“ (das sind die Halbsätze, die Gegner dem Spieler zurufen, und das sind bisweilen tausende!), des drölfzigsten Updates für die Saison XY oder das tolle neue Feature Z, seltener auch AGB und Datenschutzrichtlinien. Und das fast  immer unter Zeitdruck und mit den zuvor erwähnten Stolperfallen (Zeichenbegrenzung, Variablen …) und den Kollegen im Nacken, die das Ganze für einen halben Cent weniger machen.

Spiele sind eine Spezialisierung, Gamer-Sprache ist stetig im Wandel und unterliegt eigenen Regeln. Das solltet ihr euch klar machen, bevor ihr euch in diese Richtung spezialisieren möchtet.

Was würdest du an deiner Ausbildung/an deinem Werdegang heute anders machen, wenn du könntest?

Nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Meine gesamte Laufbahn hat mich an den Punkt geführt, an dem ich jetzt bin. Rückblickend wünschte ich lediglich, mich früher auf eine weitere Fachrichtung spezialisiert zu haben – in einem sich ständig ändernden Markt kann Diversifizierung nie schaden.

Direktkunden oder Agenturen?

Da die meisten Spiele sehr umfangreich sind und in mehr als eine Sprache übersetzt werden, laufen die meisten Aufträge über Agenturen. Es gibt Direktkunden da draußen, aber die sind selten oder haben bereits ihren festen Stamm an Übersetzern. Und wenn ihr euch einen Stamm an guten (!) Agenturen aufgebaut habt, hat das auch durchaus seine Vorteile.

Für alles andere arbeite ich gern mit Direktkunden – nicht zuletzt, weil ich genau besprechen kann, was sie sich wünschen und sich im Idealfall eine langjährige, vertrauensvolle und vertraute Zusammenarbeit ergibt. Gerade bei Marketingtexten und Texterstellung greife ich gern zum Hörer und spreche über einzelne Lösungen mit dem Entscheider beim Kunden, um dann gemeinsam ein Endprodukt liefern zu können, mit dem alle Seiten glücklich sind.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Geht dorthin, wo eure Kunden sind. Kontakte und Netzwerke mit Übersetzern sind toll, und manchmal werdet ihr sicher auch weiterempfohlen, aber eure Kunden sind nicht auf Übersetzerkonferenzen oder -stammtischen, sondern auf Fachmessen für ihre Branche und/oder Industrie. Werdet „eine/r von ihnen“, lernt die Regeln, nach denen die Branche funktioniert und begreift euch als Experte auf eurem Gebiet (am besten seid ihr es dann auch), nicht als Dienstleister, nicht als Bewerber und schon gar nicht als Bittsteller. Niemand, wirklich niemand wird auf ein „Hallo, ich bin Übersetzer/in!“ mit einem Auftrag reagieren. Was – meiner Erfahrung nach – funktioniert, ist allein ein intelligentes Gespräch über die Dinge, die den Kunden interessieren. Und die Feinheiten von Übersetzungen gehören in der Regel nicht dazu. Und das Allerwichtigste: Habt Spaß – an eurer Branche, mit euren Kunden und mit ihren Texten!