Probeübersetzungen

Immer wieder werden sie von Übersetzerinnen verlangt, meist von Agenturen: Probeübersetzungen. In der Regel unbezahlt. Das nervt; immerhin würde auch niemand von einem Webdesigner verlangen, mal eben zur Probe eine Website zu erstellen. Referenzen und Zeugnisse sollten schließlich reichen!

Absolut richtig, deshalb erstelle ich selbst in der Regel auch keine kostenlosen Probeübersetzungen; es gibt jedoch Ausnahmen, und eine ist die Übersetzung von Büchern. Da sehe ich vollkommen ein, dass ein Verlag oder eine Autorin sich vor Auftragsvergabe ein Bild vom Stil der Übersetzerinnen machen oder auch mehrere Proben miteinander vergleichen möchte.

Ich selbst habe seit nunmehr fast zwei Jahren einen Buchübersetzungsservice aus dem Deutschen ins Englische unter www.ihr-buch-auf-englisch.de, und da der recht gut läuft und immer mal wieder Übersetzerinnen aus dem Team fallen, brauche ich immer mal wieder Nachschub. Inzwischen suche ich nur noch über ProZ nach neuen Kolleginnen; anfangs habe ich brav die Datenbank des ATA durchforstet und drei geeignete Kandidatinnen angeschrieben, aber nachdem ich nur von zweien überhaupt eine Antwort erhielt und mich von der dritten nach dem ersten Auftrag trennen musste, bin ich davon abgekommen. Über ProZ kommen zwar eine Menge völlig indiskutable Angebote rein, aber auch ein paar Perlen. Und die finde ich unter anderem durch die Probeübersetzung. Bei der es nicht allein um die Qualität der Übersetzung geht. Im Folgenden möchte ich darlegen, wie ich persönlich eine Auswahl treffe; die Kriterien können natürlich von anderen Agenturen abweichen, aber vielleicht hilft es dennoch der einen oder anderen Kollegin.

Im ersten Schritt werden alle Zuschriften ausgesiebt, die sich nicht wirklich auf meine Ausschreibung beziehen. Wenn ich auf Deutsch nach einer Literaturübersetzerin mit amerikanischem Englisch als Muttersprache suche, werden alle gelöscht, die:

  • auf Englisch antworten,
  • eine andere Sprache oder ein anderes Englisch als Muttersprache haben,
  • mir mit Trados Rates kommen (Trados ist toll, aber bei Romanübersetzungen eher nicht so hilfreich),
  • zweisprachig aufgewachsen sind und in beide Richtungen überset,
  • nur eine Standardantwort schicken, in der es mitnichten um Literaturübersetzungen geht.

Ebenfalls recht schnell ausgeschlossen werden Kandidatinnen, die

  • alle Fachgebiete übersetzen,
  • mehr als 3 Fremdsprachen übersetzen,
  • in die Fremdsprache übersetzen,
  • einen Output von über 4.000 Wörter pro Tag angeben,
  • Dumpingpreise bieten.

Alle anderen schreibe ich (auf Deutsch) an, erkläre mein Unternehmen genauer und bitte mir zu antworten, wer noch interessiert ist. Nach der Antwort fliegen die nächsten Kandidatinnen raus, nämlich jene, die:

  • länger als 24 Stunden für die Antwort gebraucht haben,
  • Rückfragen stellen, die in der Mail beantwortet wurden, einfach, weil mir das zeigt, dass entweder die Deutschkenntnisse nicht ausreichen oder der Inhalt eines Textes nicht erfasst werden kann – beides keine guten Voraussetzungen für eine Literaturübersetzerin.

Aber dann versende ich endlich den Probetext! Noch bevor ich die Übersetzung durchgelesen habe, scheiden die nächsten Anwärterinnen raus:

  • Deadline verpasst. Ich gebe ein konkretes Datum, bis zu dem ich den Probetext haben möchte. Und ich lebe in Deutschland. Wer also auf den letzten Drücker abgibt oder gar zu spät, auch wenn das Datum in den USA noch passt, ist raus. Den Stress, bei einem Buchprojekt zitternd auf den fertigen Text warten zu müssen, tue ich mir nicht an.
  • Zu viele Rückfragen. Rückfragen ist manchmal notwendig und erwünscht, aber drei Rückfragen bei einem Probetext von 300 Wörtern sind definitiv zu viel. Auf einen kompletten Roman hochgerechnet, wäre ich wochenlang allein mit Beantwortung der Rückfragen beschäftigt, und den Stress tue ich mir nicht an. Ein bisschen selbstständiges Arbeiten erwarte ich schon.
  • Kommentare im Text. Oder verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten, aus denen ich mir eine aussuchen kann. Logischerweise erwarte ich einen fertigen, selbstständig übersetzten Text und keinen Flickenteppich, den ich mir anschließend selbst zusammensetzen muss. Allein der Arbeitsaufwand! Nein, danke.
  • Formatierung verhauen. Wer auch nur die Schriftart oder den Zeilenabstand ändert oder gar den Probetext in Tabellenform neben dem Original abgibt (mit der Anmerkung, das auch mit einem kompletten Buch machen zu wollen), ist raus. Ich habe nicht die geringste Lust, bei einem 400-Seiten-Roman die Formatierung zu reparieren.

Und erst dann bewerte ich die Qualität der Übersetzung. Von allen Interessentinnen auf meine letzten ProZ-Ausschreibung hat es nur ein einziger bis hierhin geschafft. Glücklicherweise war seine Übersetzung dann auch die beste 😊 Sonst hätte ich von vorne anfangen müssen. Denn was nutzt mir der kreativste Übersetzer, wenn die Zusammenarbeit für mich Stress bedeutet?

Was ich damit sagen will: Das persönliche Auftreten ist ungemein wichtig. Überall im Leben und auch bei der Suche nach Übersetzungsaufträgen. Wir alle möchten möglichst wenig Stress haben, und das geht am besten mit freundlichen, selbstständigen, mitdenkenden, engagierten und zuverlässigen Personen im Umfeld. Und auch diese Kriterien werden durch die Probeübersetzung getestet; Referenzen und Zeugnisse helfen da leider nicht weiter.

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