Interview-Reihe Teil 1: Thomas Baumgart

Thomas Baumgart ist Übersetzer und Konferenzdolmetscher für Deutsch, Spanisch und Polnisch. Er hat seinen Abschluss im B. A. Sprache, Kultur, Translation (mit Sachfach Wirtschaft) und M. A. Konferenzdolmetschen am FTSK in Germersheim gemacht. Bereits während des Studiums arbeitete er im Lebensmitteleinzelhandel und als technischer Übersetzer aus dem Deutschen ins Spanische für ein IT-Unternehmen. Das erklärt auch seine Schwerpunkte: Wirtschaft & Handel, Ernährung & Landwirtschaft sowie Industrie & IT. Darüber hinaus arbeitet er gerne in den Bereichen Freizeit & Touristik sowie Umwelt. Seiner Leidenschaft als deutschsprachiger Texter geht er als ehrenamtlicher Redakteur auf der Online-Plattform Polen.pl nach. Mehr zu ihm und seiner Arbeit findet man unter thomasbaumgart.eu.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzer zu werden?

Ich denke, durch meine zweisprachige Erziehung (Deutsch und Polnisch) wurden die Weichen für meine Affinität zu Sprachen gelegt. Außerdem verbrachten wir unsere Familienurlaube, seit dem ich noch ein kleiner Junge war, regelmäßig in Polen und Spanien, wodurch auch der dauerhafte Kontakt mit der spanischen Kultur und Sprache entstand. In der Schule fing es klassisch mit dem Englisch- und Französischunterricht an und ich merkte: Fremdsprachen machen mir nicht nur Spaß, sondern liegen mir auch obendrein. Nebenbei begann ich, Spanisch im Selbststudium zu lernen und ab der 9. Klasse besuchte ich fünf Jahre lang den Spanisch-Schulunterricht. Später ploppte in mir der berüchtigte Satz „Ich will etwas mit Sprachen machen“ auf. Den Tipp, in Germersheim Übersetzen und Dolmetschen zu studieren, bekam ich von meiner Französischlehrerin. Während des Studiums nutzte ich jede Möglichkeit, unter anderem Auslandsaufenthalte, um mein Spanisch und Polnisch zu festigen.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

In meinem Fall entstanden die Spezialisierungen einerseits aufgrund dessen, was ich erlernt habe, und andererseits durch das, was mich persönlich interessiert und mir Spaß bereitet. Soll heißen: Durch den Oberstufenunterricht, das von mir im Bachelor-Studium gewählte Sachfach Wirtschaft, den Fachübersetzungsunterricht und die behandelten Themen im Master-Studium entwickelten sich die Themen Politik und Wirtschaft zu einem Fachgebiet. Mein zweites Fachgebiet, IT und Technik, entstand durch mein persönliches Interesse für diese Themen und meine Berufserfahrung als technischer Übersetzer aus dem Deutschen ins Spanische bei einem IT-Unternehmen, zunächst als Werkstudent und später auch in Festanstellung. Mein größtes Hobby ist das Kulinarische, also was mit Essen, Trinken, Kochen, aber ebenso Ernährung, der Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft zu tun hat. Außerdem habe ich über zwei Jahre im Lebensmitteleinzelhandel wertvolle praktische Erfahrungen gesammelt. 

Wie kamst du an deinen allerersten Auftrag?

Meine allerersten Aufträge erhielt ich durch die Datenbank für ermächtigte Übersetzer und vereidigte Dolmetscher. Es waren kleinere Aufträge von Privatkunden. Es waren in der Regel Anfragen für beglaubigte Übersetzungen aus dem Spanischen ins Deutsche. Meinen ersten dicken Brocken erhielt ich durch einen Werbebrief, den ich an ausgewählte bundesweit vertretene Unternehmen versandte. Auf das Thema Werbebriefe gehe ich bei der Frage über die erfolgreiche Kundenakquise noch ein. Jedenfalls bekam ich einen Anruf, der mit der Aussage begann: „Wir haben Ihren Werbebrief erhalten und würden Ihre Dienste gerne direkt in Anspruch nehmen!“

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Fühler ausstrecken, offen sein, alles geben, genug Kraft und Lust haben und viel investieren. Es geht nicht nur um finanzielle Investitionen, sondern auch um Zeit und Durchhaltevermögen. Aller Anfang ist schwer und je früher man sich mit dem Berufseinstieg auseinandersetzt, desto besser. Es gibt viele Anlaufstellen und Ratgeber, die einen unterstützen, doch um seinen eigenen Erfolg muss man sich schon selbst kümmern. Außerdem halte ich es für eine gute Idee, direkt nach dem Studium nicht verbissen in die Selbstständigkeit zu gehen. Es ist häufig eine dienliche Alternative, zunächst eine Festanstellung zu suchen. Auch wenn der Angestelltenjob wenig mit dem Übersetzen zu tun haben mag, lernt man Wertvolles, beispielsweise über Unternehmensstrukturen, Teamwork, Arbeitsabläufe und Zeitmanagement.

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Das Netzwerken findet sowohl digital als auch lokal, beziehungsweise offline, statt. Ehemalige Kommilitonen, vor allem die, die sich wie man selbst in die Selbstständigkeit stürzen, sollte man sich warmhalten. Des Weiteren bietet der BDÜ hervorragende Möglichkeiten, um sich sowohl digital als auch offline mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ebenso die Online-Netzwerke LinkedIn und Xing sollte man zu seinem Vorteil nutzen und ein ausführliches, aktuelles und professionelles Profil erstellen. Auf diesen Plattformen tummeln sich nicht nur Kollegen, sondern auch Unternehmensvertreter – also potenzielle Kunden.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Ich möchte mich für den Werbebrief einsetzen. Es handelt sich meines Wissens um die einzige legale Möglichkeit der Kaltakquise. Jemanden zu Werbezwecken anzurufen oder anzutexten, gilt als rechtswidrig. Die Erstellung eines Werbebriefs braucht Zeit und eventuell benötigt man externe Unterstützung bei der gestalterischen oder inhaltlichen Ausarbeitung, dennoch bin ich der Meinung, dass es sich lohnt. Im Werbebrief geht es darum, seine Kompetenzen zu bewerben und dabei stets den Kundennutzen im Fokus zu haben. Tipps zur Erstellung eines Werbebriefs findet man zur Genüge. Man darf nicht mit unmittelbaren Rückmeldungen rechnen. Auch hier ist Geduld und Durchhaltevermögen gefragt. Erstellt man den Brief selbst, hält sich die finanzielle Investition im bezahlbaren Rahmen – und wenn es tatsächlich zu einem Auftrag kommt, hat man die Investitionskosten wieder eingefahren und einen Gewinn erzielt.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Zunächst möchte ich beteuern, dass ich für die nachfolgende Aussage kein Geld von Miriam erhalten habe. Tatsächlich half mir ihr „Überleben als Übersetzer“ enorm bei der Beantwortung meiner ersten Fragen zum Thema Selbstständigkeit. Des Weiteren gibt es empfehlenswerte Ratgeber des BDÜ, unter anderem zu den Themen Berufseinstieg, best practices, Marketing und Steuern. Als Student in Germersheim nutzte ich die Universitätsbibliothek, um kostenlos einen Blick in die BDÜ-Ratgeber zu werfen und mir Wichtiges zu notieren. Ebenso von der Hochschule angebotene Kurse (in meinem Fall hießen sie „Professionalisierung“ oder „Grundlagen der Berufspraxis“) sollte man tunlichst wahrnehmen. Der BDÜ bietet lohnenswerte Seminare und Webinare zu diversen Themen an, in regelmäßigen Abständen sind auch Veranstaltungen speziell für Einsteiger dabei. Man sollte sich auch als Küken zu den BDÜ-Stammtischen, die in zahlreichen Städten stattfinden, trauen, um den erfahrenen Kollegen zu lauschen und Antworten auf seine Fragen zu finden.

3 Gedanken zu „Interview-Reihe Teil 1: Thomas Baumgart

  1. Vielen Dank fuer den Artikel. Ich bin Amateur Uebersetzer Deutsch > Franzoesisch geworden, ohne irgend welches Uebersetzerstudium besucht zu haben. Ich habe Franzoesisch in meinem Land Burundi gelernt und die deutsche Sprache lerne ich seit 1988, als ich zum erstmal Deutschland besuchte. Dort bin ich vier Jahre geblieben.
    Seit 1998 lese ich viel und uebersetze fuer eine religioese Gemeinschaft theologische, philosophische und psychologische Texten. Meine deutschen Kenntnissen haben sich verbessert, seitdem ich in einer PASCH-Schule Deutsch unterrichte und ich bekomme regelmaessig Fortbildungsmoeglichkeiten durch Goethe-Institut in Deutschland. Aber meine Hauptarbeit bleibt Uebersetzung. Solche Interviews helfen mir sehr ueber meine Taetigkeiten nachzudenken. Ich gewinne nicht viel, um ein Studium oder ein Praktikum mir zu leisten, aber ich liebe meine Arbeit. Ich sehne mich nach einem Praktikum in einem Uebersetzungsbuero, um mehr Erfahrungen zu sammeln. In Burundi gibt es wenige als 5 Uebersetzer Deutsch-Franzoesisch. Noch einmal: Herzlichen Dank!

  2. Liebe Miriam,
    was für eine tolle Idee diese Interview-Reihe und was für einen netten Zufall, dass du ausgerechnet meinen sehr lieben und kompetenten Kollegen Thomas Baumgart für die erste Ausgabe ausgewählt hast!

    Schöne Grüße

    Marta

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