Interview-Reihe Teil 11: Jeannette Bauroth

Jeannette Bauroth ist staatlich geprüfte Übersetzerin und arbeit als Übersetzerin für Unterhaltungsliteratur aus dem Englischen. Zu ihren aktuelleren Projekten zählen die Mitarbeit an der Übersetzung von EL James‘ „The Mister“ und dem Der-Teufel-trägt-Prada-Roman „Die Frauen von Greenwich“.

Neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit für deutsche Verlage koordiniert Jeannette unter der Bezeichnung „Indie Translations“ Übersetzungen für englischsprachige Selfpublisher. Außerdem gehört ihr seit einem knappen Jahr ein kleiner, aber feiner Verlag, der „Second Chances Verlag“. Entstanden ist der aus der Idee von einem „Verlag der Übersetzer“ – Wunschprojekte, die bei anderen Verlagen kein Zuhause gefunden haben oder Serienfortsetzungen, die in ihrem ursprünglichen deutschen Verlag nicht mehr erscheinen.

Ergänzend dazu arbeitet Jeannette einmal im Jahr als Übersetzerin beim Biathlon-Weltcup in Oberhof und als freiberufliche Übersetzerin für die UEFA.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Dolmetscherin oder Übersetzerin wollte ich eigentlich schon immer werden. Nach dem Abitur habe ich allerdings erst eine Ausbildung als Physiotherapeutin gemacht und auch acht Jahre lang in dem Beruf gearbeitet. Berufsbegleitend habe ich ein Fernstudium zur Übersetzerin an der AKAD absolviert. Und dann war der richtige Zeitpunkt für den Berufswechsel irgendwann da: Ich stand kurz vor der Abschlussprüfung, war mit meinem zweiten Kind schwanger und wusste, mit zwei kleinen Kindern wird der Berufsalltag als Mannschaftsphysiotherapeutin in der Volleyball-Bundesliga schwierig. Also habe ich meinen Saisonvertrag nicht verlängert, den Sprung in die Freiberuflichkeit gewagt und diesen Schritt auch nie bereut.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

Für mich lag die Spezialisierung auf der Hand, da ich ja aus dem Bereich der Sportmedizin kam. Also habe ich anfangs überwiegend medizinische Übersetzungen übernommen. Irgendwann kamen auch sportmedizinische Sachbücher dazu, und von da habe ich dann über viele Weiterbildungen den Sprung in die Unterhaltungsliteratur geschafft.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Anfangs habe ich viel mit Agenturen gearbeitet, inzwischen arbeite ich hauptsächlich mit Direktkunden. Direktkunden heißt in meinem Fall – Verlage, Autoren, Sportinstitutionen.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Die Flexibilität und die Abwechslung. Mein Arbeitsalltag erlaubt mir eine gewisse zeitliche Flexibilität innerhalb der Projektzeiträume. Bei Büchern beträgt die Bearbeitungszeit mehrere Wochen, da ist es nicht dramatisch, wenn ich aus privaten Gründen mal einen Tag freinehme. Natürlich muss ich das entsprechende Arbeitspensum dann anderweitig nachholen, aber hier drängen keine sehr eiligen Termine.

Darüber hinaus gefällt mir sehr, dass wir uns als Übersetzer praktisch ständig neu erfinden können, indem wir unsere Spezialisierung wechseln oder einfach andere Arbeitsmodelle ausprobieren, wie man ja auch an meinem Beispiel sieht.

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Wenn ich „Übersetzungsprojekt“ ein wenig weiter auslegen darf, dann ist das eindeutig der Aufbau meines eigenen Verlags. Die letzten Monate waren sehr, sehr anstrengend, aber es erfüllt mich mit sehr viel Stolz und Freude, jetzt die Früchte dieser Arbeit zu sehen. Mit Projektmanagement kannte ich mich ja schon gut aus, aber ich musste natürlich auch einen Crashkurs in Verlagsbetriebswirtschaft und Lizenzrecht absolvieren, und das alles neben dem normalen Tagesgeschäft. Ich freue mich sehr über das tolle Freiberuflerteam, das mich unterstützt, und weiß jeden Einzelnen davon sehr zu schätzen.

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Fragt, fragt, fragt. Stellt alle Fragen, die euch auf den Nägeln brennen. Wenn mir während der vergangenen Monate nicht so viele Menschen bereitwillig Auskunft zu allen möglichen Themen gegeben hätten, wäre ich längst noch nicht so weit. Niemand muss das Rad neu erfinden, und es bringt auch eine Menge Karmapunkte, wenn ihr euer Wissen teilt.

Und hier noch ein Tipp, der nicht nur für neue Kolleginnen gilt: Seid nett zueinander. Immer mal wieder bin ich sehr verblüfft über den teilweise doch recht rauen Umgangston, der in der Branche herrscht. Das muss doch nicht sein. Ich bekomme manchmal Bewerbungen, bei denen mich schon die ersten Sätze so abstoßen, dass ich gar nicht weiterlese. Ich gestatte mir auch den Luxus, nicht mit Kollegen und Kolleginnen zusammenzuarbeiten, wenn sie sich als nicht teamfähig erweisen oder mir einfach der Umgangston sauer aufstößt. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens bei der Arbeit, da möchte ich mich mit netten Menschen umgeben.

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Durch Präsenz – ich bilde mich einfach wahnsinnig gern weiter und lerne dadurch ständig neue Menschen kennen. Man kann aber auch online Präsenz zeigen, wenn man nicht so der „Konferenztyp“ ist und sich mit anderen virtuell austauschen. Sucht man einmal für ein Projekt Kollegen, fallen einem natürlich immer diejenigen zuerst ein, mit denen man auch sonst einen regen Austausch pflegt.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Da gilt für mich seit Jahren ein Satz, den ich einmal von Chris Durban gehört habe: Hang out where your clients hang out. Generell liegt mir persönlicher Kontakt einfach mehr als stundenlanges E-Mail-Schreiben. Ich besuche viele Konferenzen, bilde mich weiter, baue mein Netzwerk aus und lerne potenzielle Kunden und Kollegen kennen. Das hat sich für mich sehr bewährt.

Und ansonsten – erzählt den Leuten, was ihr beruflich tut und haltet Augen und Ohren offen. Häufig ergeben sich tolle Projekte aus ganz zufälligen Kontakten.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Wie bereits erwähnt besuche ich viele Konferenzen, auch solche, die sich gar nicht primär an Übersetzer richten, sondern an Autoren. Bisher habe ich noch überall etwas dazugelernt. Ich lese viel, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. Ich finde es wichtig zu sehen, wohin sich unsere Sprache entwickelt, wie es „die anderen machen“.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Für Literaturübersetzer empfehle ich die Jahrestagung in Wolfenbüttel. Neben dem Auffrischen und Knüpfen von Kontakten kann man dort auch viel Wissenswertes aus den Workshops mitnehmen. Auch die zahlreichen Weiterbildungen des BDÜ sind eine tolle Möglichkeit, das eigene Wissen aufzupolieren und gleichzeitig das eigene Netzwerk zu erweitern.

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