Lohnt sich ein Mahnverfahren?

Diesen Monat musste ich nach langer Zeit tatsächlich mal wieder einen gerichtlichen Mahnbescheid beantragen, der glücklicherweise seine Wirkung gezeigt hat. Und da dachte ich, ziehe ich mal Bilanz: Wie groß ist die Chance, an sein Geld zu kommen, wenn der Kunde nicht innerhalb der gesetzten Frist bezahlt? Völlig unrepräsentativ kann ich dabei nur auf meine Erfahrungen zurückgreifen.

Wie viele Kunden in ich den über 20 Jahren meiner Zeit als freiberufliche Übersetzerin an die Rechnung erinnern musste, kann ich nicht mehr nachvollziehen, nur noch das, was danach geschah, wenn nichts geschah:

Versandte Mahnungen: 9   

Die Mahnpauschale setze ich erst seit ein paar Jahren an. Davor hatte ich eine Zeit, in der ich mir Kunden nicht so genau angeguckt habe und recht häufig anmahnen musste. Das war so vor 12 Jahren und betraf insgesamt 4 Kunden innerhalb von 1–2 Jahren. Danach noch einer vor 9 Jahren ohne Mahnpauschale und in den letzten 2 oder 3 Jahren kamen noch 3 Kunden hinzu, die eine Mahnung mit Mahnpauschale in Höhe von 40 Euro plus Verzugszinsen erhalten haben. Einer sogar zwei. (Zwischen den zwei Mahnungen hat er zuverlässig bezahlt!)  Erfolgsbilanz der Mahnungen: 3 der 9 angemahnte Rechnungen wurden beglichen.

Beantragte gerichtliche Mahnbescheide: 5

Die besagten 4 Kunden vor 12 Jahren haben alle einen gerichtlichen Mahnbescheid erhalten und einer diesen Monat. 3 gerichtlichen Mahnbescheiden wurde kommentarlos widersprochen, zwei wurden ignoriert. In einem ignorierten Fall wurde die Rechnung mitsamt Mahnpauschale, Kosten für den gerichtlichen Mahnbescheid und Verzugszinsen dennoch innerhalb der vom Mahngericht gesetzten Frist beglichen.

Öffentliches Petzen: 4

Vier Fälle, in denen die Kunden trotz Mahnung nicht bezahlt haben, habe ich in meinem Blog bzw. auf Facebook oder Twitter öffentlich gemacht (teilweise sogar noch nachzulesen hier und hier und hier und hier). Mit Nennung der Namen berichtet, wie die Sache gelaufen ist. In zwei Fällen ohne gerichtlichen Mahnbescheid und in zwei Fällen, nachdem dem gerichtlichen Mahnbescheid widersprochen wurde. In 3 dieser 4 Fällen wurde die Rechnung daraufhin beglichen.

Beantragte Vollstreckungsbescheide: 1

Aufgrund des anderen ignorierten gerichtlichen Mahnbescheids konnte ich problemlos einen Vollstreckungsbescheid beantragen. Der leider ins Leere lief, weil die Kundin bereits die eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte; immerhin konnte ich sie daraufhin wegen Leistungsbetrugs anzeigen. Vor Gericht hat sie dann versprochen, die Rechnung zu begleichen, um nicht verurteilt zu werden, und das hat sie auch getan.

Geführte Prozesse: 1

In einem Fall, in dem dem gerichtlichen Mahnbescheid widersprochen wurde und in dem auch öffentliches Petzen nicht geholfen hat, habe ich den Kunden verklagt und den Prozess gewonnen. Der Gerichtsvollzieher hat das Geld in Raten bei ihm abgeholt und an mich weitergeleitet. Ich war selbst nicht beim Prozess zugegen, das hat mein Anwalt erledigt (den der Kunde ebenfalls bezahlen musste), aber es war wohl eine klare Sache.

Ich habe also in 100 % der Fälle das Geld für meine geleistete Arbeit erhalten; mal früher und mal später. Nach meiner persönlichen Erfahrung lohnt es sich also immer, den regulären Weg des Mahnverfahrens zu bestreiten. Und je mehr das konsequent durchführen, desto mehr Kunden machen die Erfahrung, das es nicht folgenlos ist, eine Rechnung einfach nicht zu bezahlen! Und desto weniger versuchen es hoffentlich gar nicht erst, und desto weniger Freiberufler müssen unter solchen Nichtzahlern leiden.

Mehr zum Thema Forderungsmanagement in einem älteren Beitrag: Forderungsmanagement

Der Vollständigkeit und Fairness halber muss ich dazu sagen, dass ich in insgesamt 3 Fällen in den letzten 20 Jahren nichts unternommen habe. Der erste hat sich ganz klassisch totgestellt und ich habe es bei einer Zahlungserinnerung belassen; das ist 20 Jahre her und ich wusste es nicht besser. Ärgert mich heute immer noch. Der zweite Fall ist um die 10 Jahre her; das war eine Agentur in England. Die hatte mir drei Texte zur Übersetzung gegeben; alle wurden nacheinander abgegeben, Korrektur gelesen und abgenommen. Der Kunde der Agentur jedoch war nicht glücklich, und natürlich war ich schuld und nicht etwa der Korrekturleser oder die Agentur, die meine Übersetzung ja abgenommen hatte. Dennoch wollte ich mir den Stress mit einem Prozess in England, in dem meine Übersetzung auseinandergenommen wird, nicht antun. Und dann war da noch der Direktkunde in Deutschland, dessen Website ich direkt online übersetzt habe, und als ich fertig war, habe ich die Rechnung erstellt, die ignoriert wurde; erst Wochen später wurde behauptet, ich hätte nur die Hälfte der Websitetexte übersetzt. Leider konnte ich nicht nachweisen, dass die andere Hälfte der Texte bei Auftragserteilung noch gar nicht online und somit auch nicht Bestandteil meines Kostenvoranschlags war, und habe mich mit der Kürzung der Rechnung um 50 % zufriedenstellen lassen. Und habe daraus gelernt, niemals wieder Websitetexte direkt in der Website zu übersetzen, ohne dass die konkrete Textmenge vorher festgelegt wurde!

 

Scam erkennen

Neulich erreichte mich folgende E-Mail:

Hello,
I will like to employ your services to help translate a text from ENGLISH into GERMAN , which I need done in a month . Kindly let me know if you are available to take on the project. I await your timely response.
Regards

Als alter Hase erkennt man sofort, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Scammer handelt. Gut, wenn man noch nicht allzu viele dieser E-Mails bekommen hat, fällt es vielleicht nicht sofort auf, aber erste Indizien sind:

  • fehlende Anrede
  • die Sprachen sind GROSS geschrieben
  • keine Unterschrift/Signatur
  • fehlerhafte Rechtschreibung

Okay, das sind alles Sachen, die auch bei seriösen Anfragen durchaus vorkommen, wenn auch selten alle vier zusammen. Also habe ich geantwortet, dass ich den Text sehen muss, den ich auch prompt bekam (oft hängt er aber schon bei der Anfrage an; auch Scammer wollen Zeit sparen).

Nächste Indizien:

  • Der Text wird als Worddatei geliefert.
  • Es handelt sich um eine Abhandlung über organischen Landbau, Rassismus oder ein ähnliches Thema, das die meisten Übersetzer durchaus interessiert.
  • Googelt man einen Satz aus besagter Abhandlung, stellt man fest, dass sie frei im Internet verfügbar ist.

Mit viel Wohlwollen kann es sich immer noch um eine seriöse Anfrage handeln, und es schadet ja nicht, dennoch ein Angebot zu erstellen – lieber einen Scammer wie einen serösen Anfragenden behandeln als einen seriösen Anfragenden wie einen Scammer!

Sie antworten also mit einem Angebot. Nächstes Indiz:

  • Egal, welchen Wort- oder Zeilenpreis Sie verlangen: Er wird akzeptiert.

Kann immer noch selbst bei einem seriösen Anfragenden vorkommen, oder?

Letztes, absolut wasserdichtes Indiz:

  • Der Anfragende möchte per Scheck bezahlen.

Spätestens jetzt sollten Sie die Beine in die Hand nehmen und den Kontakt beenden, denn nach all diesen Warnsignalen handelt es sich mit 1000%-iger Sicherheit um einen Betrüger. Es stimmt zwar, dass Scheck-Zahlungen in den USA beispielsweise durchaus häufig vorkommen – aber nicht über Grenzen hinweg! Ich habe in den letzten 20 Jahren wirklich für einige Kunden in den USA gearbeitet, und nicht einer wollte jemals per Scheck bezahlen. Also, außer Scammer, versteht sich.

Was würde passieren, wenn Sie die Scheck-Zahlung akzeptieren?

Sie erhalten den Scheck – da Sie vorsichtig sind, fangen Sie erst an zu arbeiten, wenn Ihnen der Scheck vorliegt oder gar erst, wenn Sie ihn eingelöst haben und die Summe Ihrem Konto gutgeschrieben wurde. Dieser Scheck kann gut und gerne einen Monat (!) später immer noch platzen und das Geld wird wieder von Ihrem Konto verschwinden! Im besten Fall haben Sie bis dahin die Übersetzung geliefert und somit für lau gearbeitet. Bei diesem besten Fall bleibt es allerdings praktisch nie, denn die Scammer wollen ja gar keine Übersetzung; sie wollen Ihr Geld. Was also folgt, ist der klassische Overpayment Scam: Der Scheck ist versehentlich auf eine viel zu hohe Summe ausgestellt, aber der Scammer vertraut Ihnen und bittet Sie, den Scheck dennoch einzulösen und den überzähligen Betrag per Western Union weiterzutransferieren. Wenn der Scheck dann Wochen später platzt, sind Sie das über Western Union überwiesene Geld los; die Zahlung lässt sich nicht zurückholen. Mit etwas Pech war der Scheck auch noch geklaut oder gefälscht und Sie haben eine Anzeige wegen Betrugs am Hals.

Achten Sie also auch in der Flaute, wenn Sie sich über jede Anfrage eines Neukunden freuen, auf die Alarmzeichen! Spätestens beim Stichwort „Scheck“ können Sie sicher sein, dass Sie bei diesem Job kein Geld verdienen können.

Überleben als Übersetzer als PDF für lau!

Es ist mal wieder so weit: Die PDF-Version von „Überleben als Übersetzer“ gibt es für einen begrenzten Zeitraum für lau. Weil Ostern ist und wegen Corona und weil Amazon wohl ganz schön lange für die Auslieferung des Taschenbuchs braucht … Mal sehen, wann ich die Aktion beende, aber über Ostern läuft sie sicherlich!

Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

*** Die Aktion ist beendet!***

Interview-Reihe Teil 11: Jeannette Bauroth

Jeannette Bauroth ist staatlich geprüfte Übersetzerin und arbeitet als Übersetzerin für Unterhaltungsliteratur aus dem Englischen. Zu ihren aktuelleren Projekten zählen die Mitarbeit an der Übersetzung von EL James‘ „The Mister“ und dem Der-Teufel-trägt-Prada-Roman „Die Frauen von Greenwich“.

Neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit für deutsche Verlage koordiniert Jeannette unter der Bezeichnung „Indie Translations“ Übersetzungen für englischsprachige Selfpublisher. Außerdem gehört ihr seit einem knappen Jahr ein kleiner, aber feiner Verlag, der „Second Chances Verlag“. Entstanden ist der aus der Idee von einem „Verlag der Übersetzer“ – Wunschprojekte, die bei anderen Verlagen kein Zuhause gefunden haben oder Serienfortsetzungen, die in ihrem ursprünglichen deutschen Verlag nicht mehr erscheinen.

Ergänzend dazu arbeitet Jeannette einmal im Jahr als Übersetzerin beim Biathlon-Weltcup in Oberhof und als freiberufliche Übersetzerin für die UEFA.

Wie kamst du auf die Idee, Übersetzerin zu werden?

Dolmetscherin oder Übersetzerin wollte ich eigentlich schon immer werden. Nach dem Abitur habe ich allerdings erst eine Ausbildung als Physiotherapeutin gemacht und auch acht Jahre lang in dem Beruf gearbeitet. Berufsbegleitend habe ich ein Fernstudium zur Übersetzerin an der AKAD absolviert. Und dann war der richtige Zeitpunkt für den Berufswechsel irgendwann da: Ich stand kurz vor der Abschlussprüfung, war mit meinem zweiten Kind schwanger und wusste, mit zwei kleinen Kindern wird der Berufsalltag als Mannschaftsphysiotherapeutin in der Volleyball-Bundesliga schwierig. Also habe ich meinen Saisonvertrag nicht verlängert, den Sprung in die Freiberuflichkeit gewagt und diesen Schritt auch nie bereut.

Wie hast du deine Spezialisierung gefunden und wie hast du dich dann in diesem Fachbereich spezialisiert?

Für mich lag die Spezialisierung auf der Hand, da ich ja aus dem Bereich der Sportmedizin kam. Also habe ich anfangs überwiegend medizinische Übersetzungen übernommen. Irgendwann kamen auch sportmedizinische Sachbücher dazu, und von da habe ich dann über viele Weiterbildungen den Sprung in die Unterhaltungsliteratur geschafft.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Anfangs habe ich viel mit Agenturen gearbeitet, inzwischen arbeite ich hauptsächlich mit Direktkunden. Direktkunden heißt in meinem Fall – Verlage, Autoren, Sportinstitutionen.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Die Flexibilität und die Abwechslung. Mein Arbeitsalltag erlaubt mir eine gewisse zeitliche Flexibilität innerhalb der Projektzeiträume. Bei Büchern beträgt die Bearbeitungszeit mehrere Wochen, da ist es nicht dramatisch, wenn ich aus privaten Gründen mal einen Tag freinehme. Natürlich muss ich das entsprechende Arbeitspensum dann anderweitig nachholen, aber hier drängen keine sehr eiligen Termine.

Darüber hinaus gefällt mir sehr, dass wir uns als Übersetzer praktisch ständig neu erfinden können, indem wir unsere Spezialisierung wechseln oder einfach andere Arbeitsmodelle ausprobieren, wie man ja auch an meinem Beispiel sieht.

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Wenn ich „Übersetzungsprojekt“ ein wenig weiter auslegen darf, dann ist das eindeutig der Aufbau meines eigenen Verlags. Die letzten Monate waren sehr, sehr anstrengend, aber es erfüllt mich mit sehr viel Stolz und Freude, jetzt die Früchte dieser Arbeit zu sehen. Mit Projektmanagement kannte ich mich ja schon gut aus, aber ich musste natürlich auch einen Crashkurs in Verlagsbetriebswirtschaft und Lizenzrecht absolvieren, und das alles neben dem normalen Tagesgeschäft. Ich freue mich sehr über das tolle Freiberuflerteam, das mich unterstützt, und weiß jeden Einzelnen davon sehr zu schätzen.

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Fragt, fragt, fragt. Stellt alle Fragen, die euch auf den Nägeln brennen. Wenn mir während der vergangenen Monate nicht so viele Menschen bereitwillig Auskunft zu allen möglichen Themen gegeben hätten, wäre ich längst noch nicht so weit. Niemand muss das Rad neu erfinden, und es bringt auch eine Menge Karmapunkte, wenn ihr euer Wissen teilt.

Und hier noch ein Tipp, der nicht nur für neue Kolleginnen gilt: Seid nett zueinander. Immer mal wieder bin ich sehr verblüfft über den teilweise doch recht rauen Umgangston, der in der Branche herrscht. Das muss doch nicht sein. Ich bekomme manchmal Bewerbungen, bei denen mich schon die ersten Sätze so abstoßen, dass ich gar nicht weiterlese. Ich gestatte mir auch den Luxus, nicht mit Kollegen und Kolleginnen zusammenzuarbeiten, wenn sie sich als nicht teamfähig erweisen oder mir einfach der Umgangston sauer aufstößt. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens bei der Arbeit, da möchte ich mich mit netten Menschen umgeben.

Wie hast du es geschafft, dir ein berufliches Netzwerk (zu Firmen, aber auch zu Kollegen) aufzubauen?

Durch Präsenz – ich bilde mich einfach wahnsinnig gern weiter und lerne dadurch ständig neue Menschen kennen. Man kann aber auch online Präsenz zeigen, wenn man nicht so der „Konferenztyp“ ist und sich mit anderen virtuell austauschen. Sucht man einmal für ein Projekt Kollegen, fallen einem natürlich immer diejenigen zuerst ein, mit denen man auch sonst einen regen Austausch pflegt.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Da gilt für mich seit Jahren ein Satz, den ich einmal von Chris Durban gehört habe: Hang out where your clients hang out. Generell liegt mir persönlicher Kontakt einfach mehr als stundenlanges E-Mail-Schreiben. Ich besuche viele Konferenzen, bilde mich weiter, baue mein Netzwerk aus und lerne potenzielle Kunden und Kollegen kennen. Das hat sich für mich sehr bewährt.

Und ansonsten – erzählt den Leuten, was ihr beruflich tut und haltet Augen und Ohren offen. Häufig ergeben sich tolle Projekte aus ganz zufälligen Kontakten.

Wie hältst du dich auch als alter Hase auf dem Laufenden?

Wie bereits erwähnt besuche ich viele Konferenzen, auch solche, die sich gar nicht primär an Übersetzer richten, sondern an Autoren. Bisher habe ich noch überall etwas dazugelernt. Ich lese viel, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. Ich finde es wichtig zu sehen, wohin sich unsere Sprache entwickelt, wie es „die anderen machen“.

Welche Bücher und/oder Veranstaltungen kannst du empfehlen?

Für Literaturübersetzer empfehle ich die Jahrestagung in Wolfenbüttel. Neben dem Auffrischen und Knüpfen von Kontakten kann man dort auch viel Wissenswertes aus den Workshops mitnehmen. Auch die zahlreichen Weiterbildungen des BDÜ sind eine tolle Möglichkeit, das eigene Wissen aufzupolieren und gleichzeitig das eigene Netzwerk zu erweitern.

Interview-Reihe Teil 10: Iva Wolter

Iva Wolter ist Diplom-Übersetzerin und beeidigte Dolmetscherin für die tschechische und polnische Sprache. Die gebürtige Pragerin hat an den Universitäten Leipzig und Warschau Übersetzen und Deutsch als Fremdsprache studiert sowie an der Juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag ein Aufbaustudium für Gerichtsdolmetscher*innen und -übersetzer*innen absolviert. Anschließend machte sie sich als Übersetzerin, Dolmetscherin sowie Sprachdozentin für Tschechisch und Polnisch selbstständig und wurde für diese Sprachen beeidigt. Derzeit lebt und arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin in Berlin. Unter dem Namen Dolmetschbar | Übersetzungs- und Dolmetschservice Iva Wolter (www.dolmetschbar.de) ist sie für Rechtsanwaltskanzleien, Staatsanwaltschaften, Behörden, Gerichte, Privatpersonen sowie kleine und mittelständische Unternehmen aus Deutschland, Tschechien und Polen tätig und unterstützt diese bei ihrer Kommunikation mit internationalen Geschäftspartnern, Kunden und Mandanten. Im Jahr 2019 wurde sie vom Staatlichen Prüfungsamt für Übersetzerinnen und Übersetzer in Berlin zur Fachprüferin berufen.

Arbeitest du vorwiegend mit Agenturen oder mit Direktkunden und hat sich das im Lauf der Zeit geändert?

Angefangen habe ich – wie vermutlich viele andere Kolleginnen und Kollegen auch – mit Übersetzungsaufträgen von Agenturen. Ich habe mich bei vielen Übersetzungsbüros als externe Mitarbeiterin beworben und mich auf verschiedenen Plattformen für Übersetzer*innen angemeldet. Die ersten Aufträge von Agenturen, Privatkunden und ehemaligen Uni-Dozent*innen kamen und ich ließ mir meine erste Website damals noch unter dem Namen imSPRACHEN erstellen. Ich habe mich fortgebildet, verschiedene Marketingmaßnahmen getestet und „mein Unternehmen“ kontinuierlich aufgebaut. Mit der Zeit habe ich gelernt, die „guten“ Übersetzungsagenturen von den bloßen Umtütern zu unterscheiden. Der Kundenstamm wuchs und die ersten Stammkunden kamen mit Folgeaufträgen wieder.

Dank meiner sicherlich auch mühevollen Arbeit an meiner „Marke“ bin ich inzwischen auf die schlechter bezahlten Aufträgen von Übersetzungsbüros nicht mehr angewiesen. Mittlerweile arbeite ich seit Jahren nur noch mit einer Übersetzungsagentur aus Liechtenstein erfolgreich zusammen und schätze an dieser Kooperation die regelmäßigen Aufträge, die Wertschätzung meiner Arbeit und die praktisch sofortige Bezahlung meiner Rechnungen.

Was liebst du an deinem Job am meisten?

Die Vielfältigkeit. Die Themenbreite, die ich gerade als Übersetzerin „kleiner“ Sprachen noch mehr genießen kann, als es beispielsweise bei Englisch-Übersetzer*innen mit enger Spezialisierung auf ein konkretes Fachgebiet der Fall ist. Die Kombination des Übersetzens mit dem Dolmetschen steigert dieses Potenzial noch zusätzlich. Für mich persönlich ist es die ideale Verbindung zwischen der gründlichen Analyse des geschriebenen Wortes und dem präzisen Feilen an Texten bis zum letzten Schliff gegenüber der etwas freieren Interpretation des gesprochenen Wortes, bei der es auf die schnelle Erfassung der geäußerten Gedanken ankommt. Diese beiden teilweise sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen inspirieren mich sehr und ich profitiere von deren gegenseitiger positiver Beeinflussung.

Außerdem schätze ich den direkten Kontakt zu meinen Kunden und das unmittelbare Feedback, das ich eher bei der mündlichen Kommunikation erhalte. Am Übersetzen wiederum mag ich die Möglichkeiten der Flexibilität meiner Arbeitsweise, die mir meistens eine freie Planung meines Arbeitstages ermöglicht. So ist auch eine unkonventionelle Gestaltung des Alltags mit diesem Beruf kompatibel. Damit verbunden ist für mich der Vorteil einer selbstständigen Tätigkeit, die für mich persönlich die perfekte berufliche Lebensweise darstellt.

Diese Abwechslung der zu übersetzenden Themen und der zu dolmetschenden Inhalte macht meinen Beruf einzigartig. Mit jedem neuen Auftrag lerne ich etwas Neues dazu und erhalte die Chance, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Was hasst du an deinem Job am meisten?

Wirklich hassen tue ich eigentlich nichts. Ich finde es nur schade, dass unser Beruf so eine geringe Wertschätzung in der öffentlichen Wahrnehmung genießt. Dies macht sich leider auch bei den Preisen bemerkbar, wenn beispielsweise ausgerechnet Literaturübersetzer*innen, die noch am ehesten eine positive Bewertung erfahren, für ihre so wahnsinnig verantwortungsvolle Tätigkeit so niedrige Honorare erhalten. Kritisieren möchte ich an dieser Stelle auch Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen, die sich unter Wert verkaufen, sich nicht darüber informieren, welche Preise auf dem Markt üblich sind und somit die Honorare nach unten drücken. Und damit meine ich ausdrücklich nicht die Laienübersetzer*innen oder Berufsanfänger*innen, sondern erfahrene Sprachmittler*innen, die ihre gute Übersetzungsleistung zu billig anbieten.

Was war dein bisher schönstes Übersetzungsprojekt?

Ich kann jetzt eigentlich kein konkretes Übersetzungsprojekt nennen. Es gibt so viele spannende Texte, an denen ich als Übersetzerin mitgewirkt habe. Am schönsten finde ich die Aufträge, bei denen ich direkt merke, wie ich mit meiner Übersetzungsleistung dem Kunden geholfen habe, wie er dank meiner Arbeit etwas erreichen konnte. Beim Dolmetschen gibt es eher ein direktes Feedback. Ich merke sofort, ob die Kommunikation gelungen ist. Das ist auch einer der Gründe, warum ich gerne dolmetsche.

Welchen Tipp würdest du anfangenden Kolleginnen geben?

Nutze die anfangs eher ruhige Phase für den Aufbau deines Unternehmens. Ja, auch wir freiberufliche Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen sind Unternehmer*innen und müssen zunächst unsere Marke entwickeln. Diese Marke sind wir selbst. Am Anfang unserer beruflichen Karriere haben wir noch Phasen, in denen wir noch nicht voll mit Aufträgen ausgelastet sind. Statt zu verzweifeln und sich Sorgen wegen mangelnder Aufträge zu machen, kannst du dich weiter spezialisieren, dir unternehmerische Kompetenzen, die an den Universitäten eher weniger vermittelt werden, aneignen, an der Positionierung und Professionalisierung deines Unternehmens arbeiten, dich vernetzen.

Ich bin mittlerweile im 14. Jahr meiner Selbstständigkeit angekommen. Es war nicht immer leicht. Gerade Selbstständige müssen auch mit Rückschlägen rechnen und lernen, damit umzugehen. Es ist gut und wichtig, Existenzgründerseminare zu besuchen, verschiedene Ratgeber zu lesen und sich Ratschläge von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu holen, doch am Ende muss man für sich selbst den eigenen Weg finden. Das Leistungsportfolio bei Freiberufler*innen muss zur eigenen Persönlichkeit passen. Nur so ist man glaubwürdig, hat Freude bei der Arbeit und wird langfristig Erfolge erzielen. Die sehr harte Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Positionierung auf dem Markt wird häufig unterschätzt. Heutzutage reicht es jedoch nicht mehr, nur „gut“ zu übersetzen. Selbst wenn ich die besten Übersetzungen liefere, doch keiner weiß, dass es mich gibt, werde ich auch keine erfolgreiche Übersetzerin. Ich bin ein zielstrebiger Mensch und habe mich diesen Herausforderungen gerne gestellt.

Doch selbst wenn man es geschafft hat, bedeutet das nicht, stehen zu bleiben. Die Branche ist im stetigen Wandel, der Markt entwickelt sich weiter. Somit kann nur jemand, der seine berufliche Situation immer wieder hinterfragt und bereit ist, seine Pläne der aktuellen Marktsituation anzupassen, langfristig Erfolge erzielen. Für mich stellt dieser stetige Wandel genau den richtigen Antrieb dar, denn mit Veränderungen öffnen sich auch neue und zuvor vielleicht ungeahnte Möglichkeiten.

Welchen Tipp hast du für die erfolgreiche Kundenakquise?

Ich bin ein großer Verfechter der sog. Pull-Methode. Im Unterschied zur Push-Methode, dem aktiven Ansprechen von möglichen Interessenten zum Beispiel durch den Versand von Werbeschreiben, die Kaltakquise per Telefon oder die direkte Ansprache von Messebesuchern lässt man sich bei der Pull-Methode von potenziellen Kunden „finden“. Derartige Kundenansprache ist für freiberufliche Sprachmittler*innen im Rahmen eines langfristigen Konzepts zum Beispiel durch eine gut auffindbare Website, die aktive Nutzung von Social Media, das Verfassen von Blogartikeln etc. möglich. Ich persönlich halte gerade für Übersetzer*innen und Dolmetscher*innen kleiner Sprachen die Kombination verschiedener Arten des Pull-Marketings mit aktivem Networking und einer auf die eigene Person maßgeschneiderte Positionierung auf dem Markt für das erfolgversprechendste Akquisemodell. Mehr dazu gibt es in dem von mir verfassten Gastbeitrag „Erfolgreich mit kleinen Sprachen“ in Miriams Ratgeber „Überleben als Übersetzer“.

Wie hast du es geschafft, dich auf dem Markt zu behaupten, wenn du nur „kleine“ Sprachen übersetzt und zum Beispiel Englisch nicht zu deinen Arbeitssprachen gehört?

Ich habe es vor allem durch die zielstrebige Verfolgung der oben beschriebenen Akquisemaßnahmen und harter Arbeit an meiner Marke erreicht. Ein Markenzeichen ist auch meine Spezialisierung vor allem auf das Kernfachgebiet Recht.

Das Übersetzen von „kleinen“ Sprachen hat zudem auch riesige Vorteile: Die Konkurrenz ist nicht so groß, es ist einfacher, sich auf dem Markt als Profi zu etablieren, man wird leichter von potenziellen Kunden gefunden (siehe meine beliebte Pull-Methode als Marketingstrategie). Wenn man zusätzlich noch durch Spitzenqualität punktet, kunden- und serviceorientiert handelt sowie unternehmerisch denkt, ist der Erfolg auch bei „kleinen“ Sprachen garantiert.

Was war deine bisher beste Anschaffung?

 Das Tolle an unserem Beruf ist, dass wir gar nicht so viel investieren müssen, um als Übersetzer*innen zu starten. Im Prinzip geht es ganz minimalistisch: ein leistungsfähiger Computer und schnelles Internet. In meinen Augen gibt es vier Bereiche, wo eine Investition lohnenswert ist: 1. in Tools, die unsere Arbeit erleichtern wie CAT-Tools, elektronische Wörterbücher, OCR-Software, Spracherkennungssysteme u. a.; 2. in Fortbildungen (Weiterbildungsveranstaltungen, Fachkonferenzen, Webinare, Fachliteratur etc.); 3. in Marketing (eigene Website, professionell gestaltete Visitenkarten u .v. m.) und schließlich 4. in unsere Gesundheit in Form eines ergonomischen Arbeitsplatzes (Bürostuhl, mehrere Bildschirme, Maus, Tastatur usw.). Was den letzten Punkt betrifft, ist meine beste Anschaffung mein Hund Neo :-), ein Flat Coated Retriever, der mich tagtäglich zur Bewegung an der frischen Luft „zwingt“.